Wie das so ist mit der Mitbewohnerin

Der Liebste, das Kind und ich wohnen nicht alleine zu dritt, sondern gemeinsam mit der Mitbewohnerin. Die Mitbewohnerin ist ein großartiger Mensch, sie ist liebenswert und aufmerksam und interessiert. Sie ist meistens gut gelaunt, sie ist schön, sie strahlt sehr viel Ruhe aus. Sie ist auch sehr unordentlich, sie hat einen unfassbar selektiven Blick, der beispielsweise dazu führt, dass sie Lebensmittel, die auf dem Tisch stehen, in dem Moment, in dem sie fertig gegessen hat, nicht mehr sieht und deshalb natürlich auch nicht wegräumen kann. Wir würden mit niemand anderem zusammenleben wollen.

Unsere Wohnung war ursprünglich eine größere Wohngemeinschaft, in der wir alle lebten und studierten, manche mehr, manche weniger, dann zog einer aus und noch eine andere, jemand Neues kam hinzu, einer ging ins Ausland und wir hatten Zwischenmieter_innen – schließlich blieben der Liebste, der gute Freund, die Mitbewohnerin und ich. Dann ging auch der gute Freund, aber dafür kam das Kind.

„Sucht ihr euch jetzt eine eigene Wohnung?“, wurden der Liebste und ich gefragt und „Oh, dann ziehst du jetzt sicher aus!“, war häufig die erste Reaktion, wenn die Mitbewohnerin anderen von unserem damals noch im Entstehen begriffenen neuen Mitbewohner erzählte. Wir haben darüber gegrinst und wenn wir uns gegenseitig beim gemeinsamen Abendessen davon erzählt haben, zusammen den Kopf darüber geschüttelt.

Denn es ist doch so: Wenn ein Paar erzählt, dass es bald ein Kind bekommt, ist die Reaktion in der Regel sehr sehr positiv. Ein Baby! Wie süß! Und es riecht so gut! Und überhaupt, Kinder haben ist doch was so so Tolles!

Wenn hingegen jemand erzählt, dass das Paar, mit dem es zusammenlebt, ein Kind bekommt, ist die Reaktion in der Regel nicht ganz so positiv. Oh mein Gott, ein Baby! Das schreit die ganze Zeit! Man kann nicht mehr schlafen! Und dann stinkt es im Bad nach vollgekackten Windeln und überall liegt Spielzeug rum. Anstrengend!

In der Realität ist es natürlich genau umgekehrt. Der Liebste und ich sind diejenigen, die nachts wach sind, weil das Kind schreit, weil es Hunger hat, weil es zahnt, weil es schlecht geträumt hat. Wir müssen es wickeln und die Windeln waschen und vollgepinkelte Bettlaken abziehen und uns vor der Arbeit nochmal umziehen, weil das Kind seine Bananenhände auf unserem Pulli abgewischt hat. Wir wischen Erbrochenes weg und müssen wickeln und das schreiende Kind festhalten, das dem langweiligen Wickeln entkommen möchte. Wir müssen Tampons und Klopapierrollen aus der Toilette fischen und dem Kind die Hände waschen, mit denen es in der Toilettenspülung gespielt hat. Wir gehen mit dem Kind zusammen aufs Klo und zum Arzt und sind am Wochenende abends zuhause und früh morgens zu absurden Zeit wach. Wir wickeln.

Die Mitbewohnerin spielt mit dem Kind, wenn sie beide grade dazu Lust haben, sie lachen miteinander und kugeln über den Wohnzimmerboden. Sie liest ihm vor und riecht an ihm und spielt Fangen im Flur. Das Kind kommt sie in ihrem Zimmer besuchen und spielt ein bisschen mit ihren Stiften und schaut sich ihre Bücher an. Am Abend geht die Mitbewohnerin weg, wenn sie gerne möchte, sie reist auch spontan zu einer Freundin nach Hannover und am Wochenende schläft sie. Wenn sie mit dem Kind spielt, und merkt, dass es gewickelt werden muss, dann gehen der Liebste oder ich es wickeln. Wenn die Mitbewohnerin merkt, dass sie alleine sein möchte, geht sie in ihr Zimmer und macht die Tür zu.

Neulich waren die Mitbewohnerin und ich beide krank, das Kind aber nicht, also brachte der Liebste es wie üblich morgens in die Kita. Wir Kranken lagen elend zuhause, ab und zu übergab sich jemand, wir versuchten Tee zu trinken und jammerten miteinander. Als es Zeit war, das Kind abzuholen, war ich noch nicht wieder gesund, aber das Kind musste geholt werden. Also zog ich mich an und ging langsam los, der Weg war hunderttausend Meter lang und ich überlegte die ganze Zeit, in welchen Busch ich mich am besten übergeben könnte. Die Mitbewohnerin blieb im Bett liegen. Als wir wieder zuhause waren, schlief sie in ihrem Zimmer. Ich legte mich aufs Sofa, das Kind begann auf mir herumzuturnen. Dann wollte es essen und musste gewickelt werden und fand seine herumliegende Mutter insgesamt eher wenig spaßig und äußerte seinen Ärger lautstark. Die Mitbewohnerin schlief derweil.

Natürlich ist es an einigen Stellen notwendig, Rücksicht aufeinander zu nehmen, aber so ist es eben, wenn man nicht alleine leben möchte. Die Sicherheitsverschlüsse an den Toiletten, den Fenstern, den Steckdosen, den Schränken, mit denen muss die Mitbewohnerin genauso leben wie wir. Sie denkt nicht immer daran, alle wieder zuzumachen, damit müssen wir leben und selber darauf achten. In den ersten Wochen nach der Geburt haben weder der Liebste noch ich eingekauft oder gekocht oder geputzt oder irgendetwas in der Wohnung gemacht, das übernahm die großartige Mitbewohnerin alles für uns. Dafür sieht sie das Kind genauso großwerden und beobachtet seine ersten Gehversuche und bekommt mit, welche Wörter es nacheinander lernt. Wenn die Mitbewohnerin alleine sein möchte und ihre Zimmertür hinter sich zumacht und das Kind bekommt in dem Moment einen Wutanfall, weil es nicht mit dem Mülleimer spielt darf – dann denke ich mir, Mitbewohnerin müsste man sein.

Nachts

Nachts werde ich wach, weil etwas raschelt. Und dann schleift es und stößt und knirscht und quietscht und hustet schließlich, sogar ziemlich laut. Das Geräusch kommt näher und bamm! Plötzlich bohrt sich von rechts ein honigmelonengroßer harter Schädel in meine rechte Seite. Kleine Hände greifen über mich drüber, fassen meinen linken Arm, greifen, kneifen, quetschen ihn. Eine Hand erwischt eine Haarsträhne und zieht so schmerzhaft danach, dass ich den Impuls, das ganze Bündel von mir zu werfen, unterdrücken muss. Dann zieht sich der müdeschwere Körper hinterher, bis er auf meiner Brust liegt. Aber so ganz bequem ist es noch nicht, der Körper dreht und wendet sich, er greift probehalber nochmal in die Haare, stößt mir das Knie in den Hals, bohrt den Kopf noch tiefer in meinen Bauch rein, platziert den Po mittig auf meinem Gesicht. Seufzt schließlich tief und schläft ein. Ich habe Uringeruch in der Nase. Meine Haare stecken fest verkeilt in einer kleinen Faust und ziehen bei jeder Bewegung. Mein Brustkorb ächzt unter dem Gewicht. Sobald ich mich einen Millimeter bewege, entweicht dem Körper auf mir ein klagendes Geräusch. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Morgen werde ich müde sein und mein Arm wird mir wehtun. Ich seufze.

Nachts liege ich wach, weil auf mir ein kleiner warmer Körper liegt. Die eine Hand hält meine Haare fest, die andere meinen Arm. Der Kopf liegt auf meinem Bauch, zur Seite gedreht, die Augen sind geschlossen. Tiefe feste Atemzüge kommen aus dem kleinen Menschen. Sein Herz liegt auf meinem Herz. In meiner Wärme geborgen, meinen Herzschlag spürend, meinen Geruch atmend, meine Hände greifend, so schläft auf mir mein Kind.

Die Verkündung

„Hat der Liebste gesagt, um was es geht?“ Der gute Freund füllt Tee ins Teesieb, nimmt die rote große Teekanne vom Regal, hängt das Teesieb ein. Der Wasserkocher gibt geräuschvoll zu verstehen, dass er fast durch ist mit seiner Arbeit. Ich schüttle unschuldig den Kopf. „Nö!“, sage ich, „nur, dass er es gut fände, wenn ihr hier seid, wenn er kommt. Wo er doch heute seinen ersten Arbeitstag hatte.“ „Wie klang er denn?“, fragt der Nachbar und stellt Kerzen auf den Tisch. Er fühlt sich immer ein bisschen für die stimmungsvolle Atmosphäre verantwortlich. „Gut oder schlecht gelaunt?“ „Eher gut!“, sage ich und da gucken sie ein bisschen erleichtert.

Der Liebste hatte seinen ersten Arbeitstag in einem neuen Job, aber das ist nicht der Grund, weshalb wir die Mitbewohnerin, den guten Freund und den Nachbarn hier versammelt haben. Wir haben eine Verkündung zu machen.

Schritte im Treppenhaus, Schlüssel in der Tür, der Liebste kommt nach Hause. „Wie wars?“, fragt die Mitbewohnerin, „Frau Dreieinhalb hat gesagt, es wär gut, wenn wir hier sind, wenn du nach Hause kommst.“ Der Liebste kommt in die Küche, der gute Freund stellt den Tee auf den Tisch, der Nachbar zündet die Kerzen an. Wir setzen uns und reden über den ersten Arbeitstag. Mir ist etwas schlecht. Ich bin aufgeregt. In meinem Kopf übe ich die Worte, die für mich noch so ungewohnt sind, auch wenn ich sie mit seit einer Woche, seit ich Bescheid weiß, immer wieder sage.

Es wird ruhig am Tisch. Ich trete den Liebsten heimlich. Er tritt zurück. „Also, wir haben uns überlegt“, beginne ich, „ob wir hier nicht ab nächsten Jahr zu fünft wohnen wollen.“ Allgemeines Stirnrunzeln, Irritation. Unsere Wohnung ist nicht dafür gemacht, hier zu fünft zu wohnen. Ich werde doch nicht das Wohnzimmer umwandeln…? Undenkbar. „Genaugenommen“, fahre ich fort, „gibt es eine konkrete Anfrage von jemandem, der gerne hier einziehen würde.“ Die Ratlosigkeit auf ihren Gesichtern nimmt zu. Stille. Ich dachte eigentlich, es ist offensichtlich, um was es geht. Bevor die Verwirrung überhand nimmt, platze ich heraus: „Ich bin schwanger!“

Große Augen, offene Münder. „Ooooooh!“, macht der Nachbar, „wie großartig!“, „Das ist ja toll!“, sagt die Mitbewohnerin, der gute Freund sagt nur „Wow!“. Und dann stehen alle in der Küche, umarmen sich und uns und wir stoßen mit Tee auf den neuen Mitbewohner an. Ich habe nicht daran gezweifelt, dass niemand von Ausziehen sprechen wird oder Unbehagen äußert. Jetzt zu sehen, wie sehr sich alle freuen, ist toll. Wir sprechen über ein paar Dinge und schon bin ich müde und will ins Bett. „Gute Nacht, liebe Menschen!“, sage ich, die Mitbewohnerin entgegnet gut gelaunt: „Dir auch eine gute Nacht, liebe Menschen!“, und mit einem Grinsen falle ich ins Bett.

Willkommen im Club

Endgültig realisiere ich, dass ich jetzt auch im Club bin, als ich vor unserem Haus Susanne treffe. Susanne ist Mitte 40, ihre kurzen dunklen Haare fallen ihr in die Augen und sie ist sehr dünn. Susannes Mann Pablo ist Spanier und vor kurzem haben sie ein kleines spanisches Lokal in der Straße eröffnet. Mit „Spanischem Allerlei“ werben sie. Ich weiß nicht genau, was sie dort anbieten. Das geht wohl den meisten so; der Laden scheint nicht gut laufen, ich sehe nie Gäste darin.

Ich kenne Susanne, weil sie früher in unserer Wohnung gewohnt hat. Dann haben Pablo und sie beschlossen, im gleichen Viertel in eine andere Wohnung zu ziehen. Sie zogen aus, wir zogen ein und ab und zu begegne ich ihr auf der Straße. Sie schaut immer bemüht weg und nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt, sagt sie schnell „Hallo“ und geht weiter. Meistens schaut sie aber schon vorher bemüht zur Seite, so als ob sie grade zufällig zur Seite schaut und mich eben nicht wahrnimmt. Mit dem Liebsten macht sie das auch so und mit dem guten Freund auch. Die Mitbewohnerin kennt sie nicht, deshalb kann sie sie nicht so bewusst ignorieren. So geht es seit sieben Jahren. Wir wissen nicht, warum sie das macht.

Ich treffe also Susanne auf der Straße vor unserem Haus und ich habe Kind 1 dabei. Es liegt in seinem Kinderwagen und schläft. Ich sehe Susanne auf uns zukommen. Und dann passiert das Unglaubliche: Sie bleibt stehen und spricht mich an. Susanne, die mich seit sieben Jahren versucht zu ignorieren.

„Oh!“, sagt sie und schaut in den Kinderwagen. „Das ist Kind 1“, sage ich mit einer Mischung aus Irritation über ihr Interesse und dem unverkennbaren Stolz der frischgebackenen Mutter. „Oh“, sagt sie nochmal, „noch ganz klein.“ „Grade drei Wochen!“, sage ich, die Mischung verändert sich zugunsten des Stolzes. „Und?“, jetzt rückt Susanne ein bisschen näher zu mir, „wie war die Geburt?“„Alles in Ordnung“, sage ich und sie sagt: „Ja, alles gut und easy?“ und ich: „Naja, easy würd ich nicht sagen!“ Und da lacht sie und nickt und ihre rechte Hand wischt nach unten und bedeutet Wem sagste das!

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die leichtfertig mit anderen über persönliche Erfahrungen und Empfindungen sprechen und eine extremere persönliche Erfahrung und Empfindung als die von Kind 1s Geburt habe ich selten gemacht. Dass nun ausgerechnet Susanne mir diese Frage stellt, ist daher extrem absurd. Und gleichzeitig auch gar nicht, denn Susanne hat auch ein Kind, sie hat auch eine Geburt erlebt, sie weiß, wovon sie spricht. Ich weiß, wovon sie spricht. Willkommen im Club, sagt ihr Interesse. Jetzt gehörste auch dazu.

Stoff auf Haut

Zu der aktuellen Diskussion darüber, wieviel nackte Haut Schülerinnen an der Schule zeigen können, ohne dass sich die Allgemeinheit der Schüler dadurch in unangemessener Weise abgelenkt fühlt, haben Menschen schon kluge Dinge gesagt, das muss ich gar nicht mehr tun.

Nur auf ein Argument möchte ich eingehen, das mir jedes Jahr im Sommer wieder über den Weg läuft und mich etwas kopfschüttelnd zurück lässt. Regelmäßig liest man, Frauen, die Hotpants tragen, oder kurze Kleider oder Bikinis oder ein anderes Kleidungsstück, das mehr Haut zeigt als es verdeckt – würden ja auch wollen, dass man, also Mann, guckt. Und es sei schon ein Drahtseilakt den Mittelweg zu finden zwischen gucken-sollen und nicht-gucken-dürfen.

Ähm, nö. Davon auszugehen, dass Frauen sich im Sommer deshalb nur mit knapper Kleidung bedecken, weil sie gerne wollen, dass Männer sich ihre Haut angucken, finde ich, ehrlich gesagt, absurd. Es ist doch ungleich plausibler, davon auszugehen, dass Frauen sich im Sommer deshalb nur mit knapper Kleidung bedecken, weil es heiß ist und es unangenehm ist, Stoff auf der Haut zu tragen. Mein Kleid/ meine Hotpants/ mein Ausschnitt haben nichts mit einem potentiellen männlichen Gegenüber zu tun, sondern mit der Hitze, die die liebe Sonne über uns bringt. Es ist umgekehrt vielmehr so, dass ich persönlich es als einen lästigen Nebeneffekt empfinde, im Sommer damit rechnen zu müssen, häufiger angestarrt zu werden, nur weil ich meine Kleidung den Temperaturen anpasse.

Ich vermute im übrigen, dass es Männern genauso geht und sie nicht deshalb in Shorts und T-Shirts rumlaufen, weil sie begafft werden wollen, sondern weil es angenehmer ist.

Fahrstuhl oder Treppe?

„Eine Geburt“, sagt Hebamme Tanja, die den Geburtvorbereitungskurs leitet, „ist vergleichbar mit einem Hochhaus, in dem ihr ganz oben in einer traumhaften Dachgeschosswohnung mit Terrasse wohnt. Dort wollt ihr hin. Jede Wehe ist eine Stufe, die ihr erklimmt. Nach jeder Wehe wisst ihr, ihr seid wieder ein Stück weiter gekommen.“ Ich rutsche etwas hin und her und versuche, eine angenehme Sitzposition zu finden, in der Kind 1 mir etwas weniger aufs Zwerchfell drückt. Außer mir sitzen noch fünf weitere Frauen im Kreis um Tanja und saugen alles auf, was es Wissenswertes über diese unbekannte Abenteuer, das uns allen bevorsteht, zu hören gibt. Der Blick auf die Bäuche verrät: Es steht uns allen unmittelbar bevor.

„Aber“, Tanjas Stimme rutscht jetzt etwas ins Bedrohliche, „es gibt auch die Möglichkeit, den Fahrstuhl zu nehmen.“ Sie spricht „Fahrstuhl“ so aus, als ob sie „Vorhölle“ meint. „Und was meint ihr, ist das?“ Die Frauen schweigen, gucken zur Seite. „Das ist die PDA!“, ruft Tanja, „oder ein Kaiserschnitt!“

Für meinen Geburtsvorbereitungskurs hatte ich vor allem den Wunsch, mit meinen persönlichen Vorstellungen auf Verständnis zu stoßen und das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass es absolut in Ordnung ist, meinen eigenen Weg zu gehen, wie auch immer dieser aussieht. Und auch wenn ich mit vielem sehr zufrieden bin, was ich in diesem Kurs gelernt habe – wer hätte gedacht, dass die Darstellung in Filmen, überstürzt ins Krankenhaus zu rasen, sobald sich nur der Hauch einer Wehe zeigt, gar nicht der Realität entspricht?! – meine Hoffnung in Bezug auf diesen Punkt wurde leider nicht erfüllt.

In der ersten Sitzung fragte uns Tanja direkt, welche Wünsche wir an den Kurs hätten. Ich legte direkt los und sagte, ich würde mir wünschen, dass jede Frau in ihrem Weg gleichermaßen Unterstützung und Beachtung findet, auch wenn sie zum Beispiel sagt, sie möchte einen Wunschkaiserschnitt und keinesfalls stillen. Tanja guckte ob dieser Vorstellung etwas entsetzt, fing sich dann aber, lächelte und sagte: „Natürlich. Jede Frau soll ihren eigenen Weg finden.“

Dieser Satz wurde in den folgenden Wochen zu einer Art Mantra, den sie ans Ende diverser Vorträge setzte, in denen sie uns einen Einblick gab in alles, was wir so falsch machen konnten. Dazu gehörten etwa Ultraschalle über die empfohlenen drei Male hinaus, CTGs, die Einnahme von jeglichen Medikamenten, postpartale Prophylaxen beim Kind sowie das Benutzen von Handys während des Stillens. Am Ende lächelte sie jeweils und sagte „Aber natürlich muss jede Frau ihren eigenen Weg finden“; ein Satz, der nach einem fünfminutigen Vortrag über die anzunehmenden bleibenden Schäden des Kindes durch Handystrahlung etwas an Glaubwürdigkeit einbüßte.

Besonders enttäuscht hat mich der Umgang mit verschiedenen Möglichkeiten des Geburtsablaufs. Wenn ich die verschiedenen Vorträge zu diesem Thema zusammenfasse, ist als richtige Geburt eigentlich nur eine solche zu werten, die bei der Frau zuhause stattfindet, mit möglichst allen Menschen, die ihr etwas bedeuten, ohne zeitliche Einschränkung, also gerne auch über mehrere Tage, und selbstverständlich ohne irgendeine Gabe von Medikamenten, wobei die Gebärende aufgrund der durch die anwesenden Menschen vermittelte Liebe und Geborgenheit die ganze Sache als höchst angenehm empfindet.

Uns wurden mehrere Male regelrechte Horrorszenarien ausgemalt, die durch jegliche Intervention von außen zu erwarten seien, sei es durch eine Geburtseinleitung, eine PDA oder – worst case – einen Kaiserschnitt. Treppe oder Fahrstuhl, wiederholte Tanja mehrere Male und man braucht keinen Abschluss in Literaturwissenschaft, um beim Vergleich dieser Metaphern zu merken, dass die Treppe natürlich das bewundernwertere ist, wohingehen den Fahrstuhl, nunja, die Faulen und Schwachen nehmen.

Ich verstehe nicht, wieso es so dringend notwendig ist, diese Dinge wertend miteinander zu vergleichen und sie nicht einfach für sich nebeneinander stehen können. Was hat eine Frau, die nach zehn Stunden Wehen spontan gebärt, richtiger gemacht, als eine, die sich nach 24 Stunden Wehen entschließt, sich den mit einer Operation immer verbundenen Risiken auszusetzen, weil sie dies für das Beste für sich und ihr Kind hält? Kann nicht jede Frau, die eine Schwangerschaft und eine Geburt hinter sich bringt, stolz auf sich sein und dankbar für ihr Kind?

Vorfreude aufs Kind (1)

Ich stehe vor der Haustür und suche in meiner Tasche nach dem Schlüssel. Der Schlüssel hat seinen festen Platz, der aber durch zahlreiche Löcher im Inneren der Tasche zunehmend an Bedeutung verliert.

Der Gitarrennachbar stellt sich dazu. Seinen Namen verdankt er der früheren liebenswürdigen Angewohnheit, mitten in der Nacht das Haus mit spontanen Gitarrenkonzerten zu erfreuen. Ich vermute, er wartete damit bis es nachts ist, um sicherzugehen, dass möglichst viele Bewohner anwesend waren und somit diesem auditiven Genuss frönen können. Ein reiner Akt der Nächstenliebe also.

Der Gitarrennachbar stellt sich also dazu und grüßt freundlich und fragt dann etwas irritiert, ob ich in diesem Haus wohne. Das tue ich nun bereits seit etlichen Jahren und kann seine Frage daher guten Gewissens bejahen und erkläre darüber hinaus, dass ich in der Wohngemeinschaft unter seiner Wohnung wohne.

„Naja“, sagt er und mit vielsagendem Blick auf meinen Bauch: „Aber ja nicht mehr lange.“
„Öhm“, sage ich selbstsicher, „doch.“
„Oh“, sagt er und runzelt die Stirn. Seinem Gesicht nach zu urteilen, denkt er über etwas nach, was ihm Unbehagen verursacht. Einen Moment lang herrscht Schweigen zwischen uns. Ich habe den Schlüssel inzwischen gefunden und mache mich dran, die Tür zu öffnen.
„Sag mal“, sagt er, bevor ich im Haus verschwinde und sieht sehr unglücklich dabei aus, „wo genau isn dein Zimmer?“