Unser 50/50, Teil 1: Wer verbringt wieviel Zeit mit dem Kind?

So sieht unsere persönliche Umsetzung des Wunsches aus, uns alles rund ums Kind fifty-fifty zu teilen. Als wir angefangen haben, uns damit zu beschäftigen, wie das alles in der Realität ablaufen könnte, fing ich vor allem an zu lesen und fand – fast nichts. Deshalb halte ich es für wichtig, möglichst viele Beispiele zu veröffentlichen, um anderen Impulse und Ideen zu geben. Hier also unsere Version.

Fifty-fifty rund ums Kind bedeutet für uns fifty-fifty auf drei Ebenen: Die konkrete Zeit, die mit dem Baby/dem Kind verbracht wird, die emotionale Beziehung, die das Kind zu uns aufbaut und das Mitdenken/Mitbescheidwissen, der „mental load“.

Teil 1: Wer verbringt wieviel Zeit mit dem Kind?

Schon bevor ich schwanger war, wussten wir, dass wir uns die Elternzeit gleichermaßen teilen wollen, sprich, sieben Monate wollte ich nehmen, sieben Monate der Liebste. Wir haben beide Jobs, die wir gerne machen und wir beide waren beruflich gerade in einer Umbruchphase und von daher wussten wir auch, dass unter Umständen eine siebenmonatige Elternzeit ungünstig mit einem Jobbeginn hier oder einer Prüfung dort kollidieren würde. Außerdem – nächster Punkt: Damals verdienten wir beide noch quasi nichts und mussten während der Elternzeit ja auch von irgendwas leben (zum Thema Geld schreib ich nochmal).

Was wir gemacht haben, und ich weiß, das finden viele creepy und unromantisch, aber es entsprach genau unser beider Bedürfnis nach Planung und Sicherheit: Bevor ich schwanger wurde, setzten wir uns an einem Samstagmorgen in ein Café, frühstückten und machten währenddessen einen Plan. Auf dem Plan stand, wann in Abhängigkeit der zu erwartenden beruflichen Veränderungen, wer von uns wann Elternzeit nehmen würde, wenn das Kind in Monat X, Y oder Z käme und von welchem Geld wir dann jeweils leben würden. Ja, es war sehr viel Glück dabei, aber: Es lief letztlich alles genauso. Das Kind kam in Monat X, ich ging in Elternzeit, der Liebste bestand seine Prüfung, für zwei Monate waren wir beide zuhause, ich Vollzeit, der Liebste promovierte noch ein bisschen vor sich hin. Dann ging er in Elternzeit, ich beendete derweil meine Weiterbildung und hatte dann noch zwei Monate Elternzeit, die ich in Teilzeit nahm.

Eine Bekannte, die zeitgleich mit mir schwanger war, sagte, ihr Freund würde nicht in Elternzeit gehen, weil der „mit Babies nichts anfangen könne“. Es gibt vieles, was an dem Satz kritisiert werden kann, ich möchte nur eins aufgreifen, weil es zum Thema Zeit gehört: Einer der fundamentalsten Einschnitte am Kinderhaben war für mich der Umstand, dass in den ersten Jahren immer jemand beim Kind sein muss. Immer. Ob ich das Kind supersüß oder megalangweilig finde, ist völlig egal. Ich muss es mitnehmen, egal, was ich vorhabe, solange es niemand anderen gibt, der sich in der Zwischenzeit darum kümmern könnte. Mit zum Arzt, mit zur Post, mit in die Buchhandlung, mit ins Café, mit in den Klamottenladen, mit auf den Flohmarkt. Ich muss mit dem Kind nichts anfangen können, aber ich muss Zeit mit ihm verbringen.

Und nein, das ist nicht immer schöne Zeit, nicht immer quality time, nicht immer superschöne Kindheitserinnerungszeit. Das ist auch Zeit, in der man im Flur sitzt und zum vierundneunzigsten Mal einen Ball rollen lässt, hinter dem das Kind begeistert quietschend herkrabbelt, während man sich selbst die Spinnenweben aus dem Haar pustet. Das ist auch Zeit, in der man in tiefdunklen Augenringen das Kind durch die Wohnung trägt und wünscht es würde endlich endlich schlafen, nur 30 Minuten, nur 10, nur 5.

Das ist auch Zeit, in der man am Samstagmorgen mit dem Kind mit der U-Bahn durch die Stadt fährt, um die geliebte grüne Lammfelldecke, die die Mutter einem mit 10 zu Weihnachten geschenkt hat, in die Reinigung zu bringen, nachdem das Kind nachts aufgewacht war, sich plötzlich daran erinnerte, dass es doch mal eine Flasche im Bett hatte und sich über das Fehlen so aufregte, dass es sich plötzlich übergeben musste. Das ist auch Zeit, die man abends um elf damit verbringt, ein passendes Bettlaken zu suchen und die Matratze zu fönen.

Ich bin ein Mensch, der unglaublich gerne alleine ist. Es gibt niemanden, mit dem ich 24 Stunden am Tag verbringen möchte, Himmel, ich finde es anstrengend genug, mit mir selbst 24 Stunden am Tag zu verbringen! Das gilt auch für mein Kind. Nur interessiert mein Kind das nicht und zwar zu Recht. Deshalb ist es gut, mir die Zeit, die das Kind mit einer Person verbringt, die es liebt und sich kümmert, zu teilen. Deshalb finde ich „Zeit“ einen unglaublich relevanten Faktor bei der fifty-fifty Frage.

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Der geschenkte Tag

Um neun waren wir schon unterwegs, der Liebste mit dem Kind hintendrauf, ich trug auf meinem Fahrrad die Badeanzüge, die Feuchttücher, die Decke, die Bücher, die Sandschaufel. Mit alldem fuhren wir zur S-Bahn und erst kurz vor der Endstation stiegen wir aus und gingen, denn so beginnen wir die schönen Tage, erst einmal frühstücken.

Der Liebste stellte sich an der Theke an, während das Kind und ich draußen nach schönen Steinen suchten. Das Kind war mit der Ausbeute nicht so richtig glücklich und wollte an einem besseren Platz nach noch schöneren Steinen schauen, aber da kam der Liebste schon mit dem Tablett zurück. Bei der Aussicht auf eine Brezel und kalte Milch verschiebt das Kind, darauf ist Verlass, die tollste Steine-Suche auf später und geht erstmal essen. Die kalte Milch hatte der Liebste vergessen und als ich reinging, um sie zu holen, sagte die Bäckereiangestellte, kalte Milch würden sie nicht verkaufen. Ich sagte, für mein Kind, und was ich dachte war, dass es auch in ihrem Sinne war, dass das Kind die nächsten 20 Minuten zufrieden auf seinem Platz saß und nicht kreischend und rennend die Aufmerksamkeit der anderen Gäste beanspruchte. „Hamwer nicht!“, wiederholte sie noch einmal und da sagte ich, ich hätte gerne einen Kaffee mit Milch ohne Kaffee, ich würde aber einen Kaffee bezahlen. Schließlich gab sie nach.

Wir saßen halb im Schatten, halb in der Sonne, grinsten uns an und neben uns erörterte eine Frau ihrem Nebensitzer eine lange Geschichte, in der es um einen furchtbaren Ex-Mann und die Bachelorarbeit ihrer Tochter in England und die Gardinen, die jetzt im Keller ihres Anwaltes liegen würden, und eine Hausbesitzerin aus Sydney ging. All das war auf komplizierte und für die Frau sehr anstrengende Art und Weise miteinander verknüpft und die Frau erzählte so detailliert und so empört über all die nun doch schon ein paar Jahre zurückliegenden Gemeinheiten, die das Leben, vermittelt durch ihren Ex-Mann, ihr hatte angedeihen lassen, dass der Liebste und ich nicht anders konnten, als fasziniert zuzuhören und auf den Höhepunkt der Geschichte zu warten. Vieles blieb leider unklar und Rückfragen zu stellen trauten wir uns nicht, nicht ob der Scham, heimlich zugehört zu haben, sondern ob der Befürchtung, dann ebenso wie der Begleiter in den Sog dieser Erzählung hineingezogen zu werden. Jener konnte nämlich auch keine Rückfragen stellen, seine Rolle beschränkte sich auf einige Aufmerksamkeit zur Schau stellende Hms. In welchem Verhältnis die beiden zueinander standen, blieb ebenfalls unklar.

Schließlich waren Brezel und Milch im Magen des Kindes verschwunden, das Kind also nicht gewillt, noch länger mit uns öde am Tisch zu sitzen, was unser Signal war, um aufzubrechen. Mit den Fahrrädern fuhren wir zum See. Der Weg führte über Baumwurzeln und Sand und kleine Steinchen und dann am Ufer entlang. Der See war dunkel und grün und glitzernd. Er lag da, umringt von den großen Bäumen und versprach uns einen letzten Sommertag. Als die Bäume etwas Platz ließen und wir andere Kinder sahen, die der See freundlich einlud, in sanfter Höhe zu planschen, banden wir Fahrräder fest und legten unsere blaue Decke auf den Sand. Ich war dann aber doch mal wieder die einzige, die tatsächlich baden gehen wollte, der Liebste und das Kind zogen sich ihre Pullis an und nahmen Sandspielzeug und Buch aus der Tasche.

Kalt war das Wasser. Es umringte meine Füße, schmiegte sich dann an meine Beine und drängte sich um den Bauch. Und im Vertrauen darauf, dass es gleich nicht mehr kalt war, nahm ich die kühle Einladung an. Rings herum die hohen dunklen Bäume, die ihre Schatten auf den See werfen, die glitzernden Stellen im Wasser, das Grünbraundunkel, das nicht erkennen lässt, was darunter ist. Beim Schwimmen abwechselnd Wärme und Kälte und der Geruch der Luft nach dem Ende des Sommers. „Mama!“, schrie das Kind vom Ufer und winkte mir aufgeregt. Ich winkte zurück und lachte.

Die Verkündung II

Der Liebste rührt in seinem Kaffee, ich bekomm kaum was runter. Ein kleines Stückchen Vanillekipferl. Kaffee trinken traue ich mich nicht so richtig. Der Liebste sagt nichts. Der Liebste sagt manchmal nichts, wenn ich schon denke, dass jetzt doch etwas gesagt werden muss. Ich sage manchmal etwas, wenn der Liebste noch denkt, dass besser ein bisschen geschwiegen werden sollte. Der Liebste schweigt also und hört seinen Eltern und Schwestern dabei zu, wie sie Urlaubspläne machen. Für den nächsten Sommer. Ein gutes Stichwort, denke ich. Ich verpasse dem Liebsten unter dem Tisch einen Tritt.

Auf dem Tisch: Ein weißes Tischtuch mit Stickereien, sieben blaue Kuchenteller, sieben bunte Tassen, vier Kerzen, die nebeneinander leuchten, eine immer schon etwas mehr abgebrannt als die daneben. Ein großer Teller mit Köstlichkeiten, von den Schwestern des Liebsten gebacken und von Freundinnen gebracht, denn die Mutter des Liebsten ist gesundheitlich nicht in der Lage zu backen und der Vater kommt nicht dazu und sowieso sieht er das Backen weihnachtlichen Gebäcks nicht als seine Aufgabe an. Vieles andere hingegen schon, der Vater des Liebsten kümmert sich darum, dass die Katzen zu fressen bekommen und die Heizung gewartet wird und seine Kinder rechtzeitig ihre Hausarbeiten an ihre Dozierenden schicken. Er stellt die Mülltonnen raus und er fährt zum Bahnhof, um uns abzuholen und er leitet den Bibelkreis in seiner Gemeinde.

Der Liebste denkt auch, das ist ein gutes Stichwort und er fragt, ob denn eventuell, also vielleicht, die Möglichkeit bestünde, dass sie alle, also nicht auf einmal, das wäre dann wohl doch zu viel, aber nacheinander, im Sommer zu uns kämen? Die Mutter des Liebsten nickt und sagt, ja, das wäre doch wohl schön und die Schwester meint, das könnte sie sich gut vorstellen. Und da spricht der Liebste weiter und sagt, was es endlich zu sagen gibt, nämlich, dass sie dann die Gelegenheit hätten, jemanden kennenzulernen und zwar das Kind, das jetzt zwar noch nicht, aber im Sommer dann doch kennenzulernen sein wird.

Die Mutter des Liebsten hat Tränen in den Augen. „Das ist ja schön!“, ruft sie, und „ich freu mich so sehr!“ und könnte sie es, sie stünde auf und umarmte uns. „Ich habs geahnt!“, quietscht die Schwester und sie springt auf und verteilt dicke Umarmungen und aus der anderen Schwester kommen Freudenschreie und sie will alles ganz genau wissen.

Der Vater des Liebsten jedoch sagt nichts. Er starrt in die Kerzen. Er gratuliert nicht. Er will nichts wissen. Er sagt nicht, dass er sich freut. Oder dass er sich nicht freut. Er schweigt. Denn der Vater des Liebsten sieht es nicht nur als seine Aufgabe, für seine Kinder und Ehefrau und Katzen zu sorgen. Er sieht es auch als seine Aufgabe, dies alles in einer Weise zu tun, die er als von Gott gewollt versteht. Er hat schon immer sich sehr viel Mühe damit gemacht und der Liebste und seine Geschwister sind ein Paradebeispiel dafür, wie Normalverteilung funktioniert: Eine Schwester lebt genau so, wie die Eltern es sich wünschen. Zwei sind irgendwo in der Mitte angesiedelt. Der Liebste aber möchte von alldem nichts mehr wissen.

Das Problem, das der Vater hat, besteht nicht nur darin, dass der Liebste von alldem nichts mehr wissen möchte. Der Vater fände es zudem angemessen, wenn der Liebste, wenn schon nicht vor Gott, dann doch wenigstens vor dem Staat, seiner Zuneigung zu seiner Partnerin Ausdruck verleihen möchte. Das jedoch wollen weder der Liebste noch ich. Ich weiß nicht, ob der Vater dachte, dass wir bis dahin zwar Wohnung und Leben, aber nicht das Bett miteinander geteilt haben, wobei ich ihn für so naiv nicht halte. Vielmehr glaube ich, zwingt ihn der Fakt des ungeborenen Kindes, diese bisher zumindest leugbare Tatsache als Realität anzuerkennen. Der Vater des Liebsten empfindet diese Realität als sein persönliches Versagen, als etwas, wofür er eines Tages vor Gott wird Rechenschaft ablegen müssen – wie es sein kann, dass sein eigener Sohn, in wilder Ehe lebend, ein Kind gezeugt hat. All diese Gedanken gehen dem Vater des Liebsten in diesem Moment, als er erfährt, dass er zum ersten Mal Großvater und sein Sohn Vater wird, durch den Kopf, aber er spricht sie nicht aus. Zu hören sind nur die freudigen Rufe der Schwestern und der Mutter.

Der Liebste will reduzieren

Schon im ersten Vorstellungsgespräch sagte er damals, dass er eine Teilzeit-Stelle wolle. Alles passte perfekt, seine Vorerfahrungen, seine Wünsche. Ein paar Wochen später kam die Absage. Wir wissen natürlich nicht, ob der Wunsch nach Teilzeit damit zusammen hing, aber stutzig machte es uns doch.

Beim nächsten Gespräch sagte der Liebste nichts dazu und er bekam die Stelle. Im November fing er an, im Mai war seine Probezeit vorbei. Mitte Mai begann er mit KollegInnen darüber zu sprechen, dass er gerne reduzieren würde und informierte sich, wie andere das gehandhabt hatten. Diejenigen, die eine Teilzeitstelle haben, sind ausschließlich Frauen. Alle Männer arbeiten voll. „Du wirst eben neue Maßstäbe setzen!“, sagte ich aufmunternd. Der Liebste nickte. So richtig wohl war ihm dabei nicht. Sein Chef ist ein älterer Mann, der Karriere gemacht hat, während seine Frau, die den gleichen Beruf hat, zuhause die beiden Kinder betreute. Als er noch jung war, erzählt der Chef in meetings, sei das ja anders gewesen, da hätten sie eigentlich immer gearbeitet und schon das Wort Freizeitausgleich zu kennen, war verpönt. So schwärmt der Chef, wenn seine MitarbeiterInnen über die vielen Überstunden klagen.

Zu diesem Chef zu gehen und zu sagen, dass er eigentlich keine Vollzeitstelle mehr möchte, fand der Liebste verständlicherweise nicht einfach. Wir überlegten also, wie er das am besten anstellte, an welchem Tag der Chef vielleicht gute Laune hatte und wann im Verlaufe eines Tages ausreichend Zeit und Raum dafür war, ein solches Gespräch zu führen. Und wir ärgerten uns darüber, dass es überhaupt notwendig war, einen Plan auszuhecken, wo es doch unsere ganz persönliche Angelegenheit sein sollte, wieviel wir arbeiten.

Noch bevor der Liebste sich einen Termin holen konnte, trat der Chef eines Tages auf ihn zu. Er habe gehört, sagte er, der Liebste wollen reduzieren. Der Liebste schluckte und bestätigte dieses Gerücht. Er nannte sein Kind und seine Partnerin. Nun, sagte der Chef, er wollte den Liebsten auf jeden Fall behalten, einen so kompetenten Mitarbeiter, und bevor er sich nach einer anderen Stelle umsehe, werde er, der Chef, das möglich machen. Er wolle ja auch nicht, haha, dass die Beziehung unter der Arbeit leide. An diesem Abend stießen wir an. Kurze Zeit darauf stellte der Liebste seinen Antrag auf Reduzierung zum nächstmöglichen Zeitpunkt und einige Wochen danach bekam er das Schreiben, dass der Reduzierung zum Soundsovielten zugestimmt werde. Und wir stießen abends wieder an. Es lief wie geplant.

Am nächsten Tag erhielt der Liebste einen Anruf vom Chef. Nun ist es so, muss man wissen, ist es bei der Arbeit des Liebsten üblich, dass die MitarbeiterInnen regelmäßig mit einem Kollegen aus einer anderen Abteilung den Arbeitsplatz tauschen. „Ich habe vorgesehen, dass Sie beim nächsten Mal dran sind mit Tauschen!“, sagte der Chef zum Liebsten und der Liebste freute sich, denn durch diese Wechsel lernt er viel Neues und dass der Chef an ihn dabei dachte, schien ihm ein gutes Zeichen. „Eine Sache noch!“, sagte der Chef, „das Wechseln geht nur in Vollzeit. Denn wir kriegen ja auch jemanden in Vollzeit, da können wir niemanden in Teilzeit schicken.“

„Nicht im Ernst!“, rief ich am Abend, als der Liebste mir das erzählte. Er war sehr niedergeschlagen. Tatsächlich gibt es kein Konzept, das vorsieht, wie man diese Wechsel in Teilzeit absolvieren könnte. Am nächsten Tag ging der Liebste zur Personalchefin, die ihm bestätigte, was der Chef gesagt hatte. Zudem würden die Wechsel ja auch immer sechs Monate dauern und in Teilzeit dann länger und dann käme alles durcheinander. „Könnte ich nicht mit jemandem tauschen, der auch Teilzeit arbeitet?“, fragte der Liebste und die Personalchefin wog ihren Kopf hin und her. „Wenn Sie da jemanden finden…“, sagte sie. Der Liebste informierte sich also, wer aus der anderen Abteilung Teilzeit machte und eventuell wechseln wollte und bekam den Namen einer Kollegin genannt, die er persönlich nicht kannte und die gerade in Urlaub war.

Er überlegte eine Weile, ob er ihr schreiben solle, denn jemanden im Urlaub mit einem Ansinnen aus der Arbeit zu belästigen, ist nichts, was er gerne macht. Weil die Personalchefin aber sagte, dass sie den Wechselplan jetzt wirklich langsam fertig machen möchte, schrieb er doch eine Nachricht. Nach einem Tag antwortete die Kollegin, dass sie in der Tat Teilzeit arbeite und in der Tat gerne mit ihm tauschen möge. Der Liebste und ich umarmten und freuten uns. Am nächsten Tag ging er zur Personalchefin und die nickte und sagte, nagut, dann würden sie sich darum kümmern, wenn die Kollegin aus dem Urlaub zurück sei.

Eine Woche später kam der Chef auf ihn zu und sagte dem Liebsten, dass er jetzt fest für den Wechsel eingetragen sei und zwar in Vollzeit. In Teilzeit zu wechseln passe ihm nicht in den Kram, der Kollege, der aus der anderen Abteilung zu ihnen komme arbeite auch Vollzeit und die Kollegin, die immer noch im Urlaub war, werde das auch in Vollzeit machen müssen. So sei es eben. Selbstverständlich aber, so fügte der Chef hinzu, stehe es ihm frei, auf den Wechsel und die damit verbundene Möglichkeit zur Weiterbilung und -qualifizierung zu verzichten.

Wie das so ist mit der Mitbewohnerin

Der Liebste, das Kind und ich wohnen nicht alleine zu dritt, sondern gemeinsam mit der Mitbewohnerin. Die Mitbewohnerin ist ein großartiger Mensch, sie ist liebenswert und aufmerksam und interessiert. Sie ist meistens gut gelaunt, sie ist schön, sie strahlt sehr viel Ruhe aus. Sie ist auch sehr unordentlich, sie hat einen unfassbar selektiven Blick, der beispielsweise dazu führt, dass sie Lebensmittel, die auf dem Tisch stehen, in dem Moment, in dem sie fertig gegessen hat, nicht mehr sieht und deshalb natürlich auch nicht wegräumen kann. Wir würden mit niemand anderem zusammenleben wollen.

Unsere Wohnung war ursprünglich eine größere Wohngemeinschaft, in der wir alle lebten und studierten, manche mehr, manche weniger, dann zog einer aus und noch eine andere, jemand Neues kam hinzu, einer ging ins Ausland und wir hatten Zwischenmieter_innen – schließlich blieben der Liebste, der gute Freund, die Mitbewohnerin und ich. Dann ging auch der gute Freund, aber dafür kam das Kind.

„Sucht ihr euch jetzt eine eigene Wohnung?“, wurden der Liebste und ich gefragt und „Oh, dann ziehst du jetzt sicher aus!“, war häufig die erste Reaktion, wenn die Mitbewohnerin anderen von unserem damals noch im Entstehen begriffenen neuen Mitbewohner erzählte. Wir haben darüber gegrinst und wenn wir uns gegenseitig beim gemeinsamen Abendessen davon erzählt haben, zusammen den Kopf darüber geschüttelt.

Denn es ist doch so: Wenn ein Paar erzählt, dass es bald ein Kind bekommt, ist die Reaktion in der Regel sehr sehr positiv. Ein Baby! Wie süß! Und es riecht so gut! Und überhaupt, Kinder haben ist doch was so so Tolles!

Wenn hingegen jemand erzählt, dass das Paar, mit dem es zusammenlebt, ein Kind bekommt, ist die Reaktion in der Regel nicht ganz so positiv. Oh mein Gott, ein Baby! Das schreit die ganze Zeit! Man kann nicht mehr schlafen! Und dann stinkt es im Bad nach vollgekackten Windeln und überall liegt Spielzeug rum. Anstrengend!

In der Realität ist es natürlich genau umgekehrt. Der Liebste und ich sind diejenigen, die nachts wach sind, weil das Kind schreit, weil es Hunger hat, weil es zahnt, weil es schlecht geträumt hat. Wir müssen es wickeln und die Windeln waschen und vollgepinkelte Bettlaken abziehen und uns vor der Arbeit nochmal umziehen, weil das Kind seine Bananenhände auf unserem Pulli abgewischt hat. Wir wischen Erbrochenes weg und müssen wickeln und das schreiende Kind festhalten, das dem langweiligen Wickeln entkommen möchte. Wir müssen Tampons und Klopapierrollen aus der Toilette fischen und dem Kind die Hände waschen, mit denen es in der Toilettenspülung gespielt hat. Wir gehen mit dem Kind zusammen aufs Klo und zum Arzt und sind am Wochenende abends zuhause und früh morgens zu absurden Zeit wach. Wir wickeln.

Die Mitbewohnerin spielt mit dem Kind, wenn sie beide grade dazu Lust haben, sie lachen miteinander und kugeln über den Wohnzimmerboden. Sie liest ihm vor und riecht an ihm und spielt Fangen im Flur. Das Kind kommt sie in ihrem Zimmer besuchen und spielt ein bisschen mit ihren Stiften und schaut sich ihre Bücher an. Am Abend geht die Mitbewohnerin weg, wenn sie gerne möchte, sie reist auch spontan zu einer Freundin nach Hannover und am Wochenende schläft sie. Wenn sie mit dem Kind spielt, und merkt, dass es gewickelt werden muss, dann gehen der Liebste oder ich es wickeln. Wenn die Mitbewohnerin merkt, dass sie alleine sein möchte, geht sie in ihr Zimmer und macht die Tür zu.

Neulich waren die Mitbewohnerin und ich beide krank, das Kind aber nicht, also brachte der Liebste es wie üblich morgens in die Kita. Wir Kranken lagen elend zuhause, ab und zu übergab sich jemand, wir versuchten Tee zu trinken und jammerten miteinander. Als es Zeit war, das Kind abzuholen, war ich noch nicht wieder gesund, aber das Kind musste geholt werden. Also zog ich mich an und ging langsam los, der Weg war hunderttausend Meter lang und ich überlegte die ganze Zeit, in welchen Busch ich mich am besten übergeben könnte. Die Mitbewohnerin blieb im Bett liegen. Als wir wieder zuhause waren, schlief sie in ihrem Zimmer. Ich legte mich aufs Sofa, das Kind begann auf mir herumzuturnen. Dann wollte es essen und musste gewickelt werden und fand seine herumliegende Mutter insgesamt eher wenig spaßig und äußerte seinen Ärger lautstark. Die Mitbewohnerin schlief derweil.

Natürlich ist es an einigen Stellen notwendig, Rücksicht aufeinander zu nehmen, aber so ist es eben, wenn man nicht alleine leben möchte. Die Sicherheitsverschlüsse an den Toiletten, den Fenstern, den Steckdosen, den Schränken, mit denen muss die Mitbewohnerin genauso leben wie wir. Sie denkt nicht immer daran, alle wieder zuzumachen, damit müssen wir leben und selber darauf achten. In den ersten Wochen nach der Geburt haben weder der Liebste noch ich eingekauft oder gekocht oder geputzt oder irgendetwas in der Wohnung gemacht, das übernahm die großartige Mitbewohnerin alles für uns. Dafür sieht sie das Kind genauso großwerden und beobachtet seine ersten Gehversuche und bekommt mit, welche Wörter es nacheinander lernt. Wenn die Mitbewohnerin alleine sein möchte und ihre Zimmertür hinter sich zumacht und das Kind bekommt in dem Moment einen Wutanfall, weil es nicht mit dem Mülleimer spielt darf – dann denke ich mir, Mitbewohnerin müsste man sein.

Nachts

Nachts werde ich wach, weil etwas raschelt. Und dann schleift es und stößt und knirscht und quietscht und hustet schließlich, sogar ziemlich laut. Das Geräusch kommt näher und bamm! Plötzlich bohrt sich von rechts ein honigmelonengroßer harter Schädel in meine rechte Seite. Kleine Hände greifen über mich drüber, fassen meinen linken Arm, greifen, kneifen, quetschen ihn. Eine Hand erwischt eine Haarsträhne und zieht so schmerzhaft danach, dass ich den Impuls, das ganze Bündel von mir zu werfen, unterdrücken muss. Dann zieht sich der müdeschwere Körper hinterher, bis er auf meiner Brust liegt. Aber so ganz bequem ist es noch nicht, der Körper dreht und wendet sich, er greift probehalber nochmal in die Haare, stößt mir das Knie in den Hals, bohrt den Kopf noch tiefer in meinen Bauch rein, platziert den Po mittig auf meinem Gesicht. Seufzt schließlich tief und schläft ein. Ich habe Uringeruch in der Nase. Meine Haare stecken fest verkeilt in einer kleinen Faust und ziehen bei jeder Bewegung. Mein Brustkorb ächzt unter dem Gewicht. Sobald ich mich einen Millimeter bewege, entweicht dem Körper auf mir ein klagendes Geräusch. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Morgen werde ich müde sein und mein Arm wird mir wehtun. Ich seufze.

Nachts liege ich wach, weil auf mir ein kleiner warmer Körper liegt. Die eine Hand hält meine Haare fest, die andere meinen Arm. Der Kopf liegt auf meinem Bauch, zur Seite gedreht, die Augen sind geschlossen. Tiefe feste Atemzüge kommen aus dem kleinen Menschen. Sein Herz liegt auf meinem Herz. In meiner Wärme geborgen, meinen Herzschlag spürend, meinen Geruch atmend, meine Hände greifend, so schläft auf mir mein Kind.

Die Verkündung

„Hat der Liebste gesagt, um was es geht?“ Der gute Freund füllt Tee ins Teesieb, nimmt die rote große Teekanne vom Regal, hängt das Teesieb ein. Der Wasserkocher gibt geräuschvoll zu verstehen, dass er fast durch ist mit seiner Arbeit. Ich schüttle unschuldig den Kopf. „Nö!“, sage ich, „nur, dass er es gut fände, wenn ihr hier seid, wenn er kommt. Wo er doch heute seinen ersten Arbeitstag hatte.“ „Wie klang er denn?“, fragt der Nachbar und stellt Kerzen auf den Tisch. Er fühlt sich immer ein bisschen für die stimmungsvolle Atmosphäre verantwortlich. „Gut oder schlecht gelaunt?“ „Eher gut!“, sage ich und da gucken sie ein bisschen erleichtert.

Der Liebste hatte seinen ersten Arbeitstag in einem neuen Job, aber das ist nicht der Grund, weshalb wir die Mitbewohnerin, den guten Freund und den Nachbarn hier versammelt haben. Wir haben eine Verkündung zu machen.

Schritte im Treppenhaus, Schlüssel in der Tür, der Liebste kommt nach Hause. „Wie wars?“, fragt die Mitbewohnerin, „Frau Dreieinhalb hat gesagt, es wär gut, wenn wir hier sind, wenn du nach Hause kommst.“ Der Liebste kommt in die Küche, der gute Freund stellt den Tee auf den Tisch, der Nachbar zündet die Kerzen an. Wir setzen uns und reden über den ersten Arbeitstag. Mir ist etwas schlecht. Ich bin aufgeregt. In meinem Kopf übe ich die Worte, die für mich noch so ungewohnt sind, auch wenn ich sie mit seit einer Woche, seit ich Bescheid weiß, immer wieder sage.

Es wird ruhig am Tisch. Ich trete den Liebsten heimlich. Er tritt zurück. „Also, wir haben uns überlegt“, beginne ich, „ob wir hier nicht ab nächsten Jahr zu fünft wohnen wollen.“ Allgemeines Stirnrunzeln, Irritation. Unsere Wohnung ist nicht dafür gemacht, hier zu fünft zu wohnen. Ich werde doch nicht das Wohnzimmer umwandeln…? Undenkbar. „Genaugenommen“, fahre ich fort, „gibt es eine konkrete Anfrage von jemandem, der gerne hier einziehen würde.“ Die Ratlosigkeit auf ihren Gesichtern nimmt zu. Stille. Ich dachte eigentlich, es ist offensichtlich, um was es geht. Bevor die Verwirrung überhand nimmt, platze ich heraus: „Ich bin schwanger!“

Große Augen, offene Münder. „Ooooooh!“, macht der Nachbar, „wie großartig!“, „Das ist ja toll!“, sagt die Mitbewohnerin, der gute Freund sagt nur „Wow!“. Und dann stehen alle in der Küche, umarmen sich und uns und wir stoßen mit Tee auf den neuen Mitbewohner an. Ich habe nicht daran gezweifelt, dass niemand von Ausziehen sprechen wird oder Unbehagen äußert. Jetzt zu sehen, wie sehr sich alle freuen, ist toll. Wir sprechen über ein paar Dinge und schon bin ich müde und will ins Bett. „Gute Nacht, liebe Menschen!“, sage ich, die Mitbewohnerin entgegnet gut gelaunt: „Dir auch eine gute Nacht, liebe Menschen!“, und mit einem Grinsen falle ich ins Bett.